Susann Bongers,
Manfred Schneeberger

"Sind die Schweizer
die besseren Deutschen?"

Zum Konfliktpotential kultureller Unterschiede zwischen Deutsch-Schweizern und Deutschen.

Zwei Mediatoren, eine in der Schweiz lebende Deutsche und ein Schweizer mit Erfahrungen im Umgang mit Deutschen, erläutern beispielhaft Notwendigkeiten interkultureller Mediation und Konfliktlösungen. Originalbeitrag (= Edition MM, Hg.: Julia Wiese und Matthias Schütz/Mediativer Mittwoch, Heft 3).

2016
geheftet, 16 Seiten, 1 Abb., 21 x 14,5 cm.

Preis: (D) Euro 8,00
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Leseprobe / Autoren

 
 
Leseprobe
 
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Ein kleiner Exkurs zur ,Kultur' als Quelle kultureller Konflikte

Kultur ist tief Sitzendes. Wir nehmen unsere Kultur und unser kulturelles Empfin­den als etwas Selbstverständliches wahr und denken nicht weiter darüber nach. Wir sind uns der Kultur, in der wir leben und die uns geprägt hat, kaum bewusst – ähnlich wie ein Fisch im Wasser, der nicht weiß, dass es außerhalb des Wassers noch etwas anderes gibt. Die kulturellen Selbstverständlichkeiten haben verschie­dene Erscheinungsformen. Sie drücken sich einmal aus in sichtbaren, sofort wahr­nehmbaren Kulturzeugnissen wie Speisen, Kleidung, Sprache und Musik. Hier spüren wir die Unterschiede unmittelbar. Dann in Werten, die hinter bestimmen, in der Kommunikation benutzten Begriffen stehen. Nehmen wir als Beispiel den Begriff „Pünktlichkeit“: Deutsche ebenso wie Deutsch-Schweizer benutzen diesen Begriff, sind sich jedoch nicht bewusst, dass damit bestimmte Wertvorstellungen verbunden sind. Sie meinen zu wissen, was der andere meint, wenn er „Pünktlichkeit“ for­dert. Lebt ein Deutscher in der Schweiz (oder ein Schweizer in Deutschland), wer­den ihm oder ihr nach einer gewissen Zeit allerdings die Unterschiede in den jeweiligen Werte­systemen deutlich. Das vermeintliche Ver­ständ­nis der Deutschen, was Pünkt­lichkeit in der Praxis bedeutet, wird zum Miss­verständnis und zum Fallstrick. In der Schweiz beginnt nämlich eine zum Beispiel auf 16 Uhr terminierte Sitzung pünktlich um 16 Uhr. Damit das funktioniert, sind alle Teilnehmer mindestens fünf Minuten vor Sitzungsbeginn anwesend, begrüßen sich namentlich und per Handschlag und schauen sich dabei in die Augen. Das sind die Mindeststandards der schweizerischen Höf­lichkeit. Vor ihnen auf dem Tisch liegen die relevanten Unterlagen, Schreibblock und Stift. Wer erst Punkt 16 Uhr den Raum betritt, verpasst somit die offizielle und – aus deutscher Sicht – recht formelle Begrüßung und stört.

Dahinter verbergen sich unbewusste Grundwerte und Axiome, etwa: ‚MeineAn­we­senheit stört den anderen nicht, ich erwarte von ihm das Gleiche.‘ Oder: ‚Ich komme niemandem zu nah.’  Diese als selbstverständlich angenommenen und selten reflek­tierten Haltungen sich selbst und dem anderen gegenüber prägen unseren Um­gang, unsere Gestik, Mimik, die Sprache, die Lautstärke etc.

Manchmal vertreten zwei Kulturen zwar ähnliche Werte, geben ihnen aber andere Prioritäten. Verglichen mit anderen Kulturen hat Pünktlichkeit für die Kultur der Deutschen und der Deutsch-Schweizer einen hohen Stellenwert, doch sie wird anders definiert und auch anders priorisiert. So kann in Deutschland schnell ein anderer Wert den Wert der Pünktlichkeit übertrumpfen und in den Hintergrund treten lassen.

Es sei hinzugefügt, dass die Kulturkreise der deutschsprachigen Schweiz und Deutschlands hier nur aus einer Makroperspektive betrachtet werden können. Schaute man durch eine Lupe, würde man schnell gravierende regionale Unter­schiede in beiden Ländern entdecken. Doch alleine schon das jeweils andere poli­tische Verständnis beider Länder, dass geprägt ist von ihrer unterschiedlichen Geschichte und Kultur, macht sie als Basis der Konflikte erkennbar.

Gründe für interkulturelle Konflikte

Interkulturelle Konflikte können aus verschiedenen Gründen entstehen. Am häu­figsten sind es sicherlich sprachliche Probleme, die Schwierigkeiten verur­sachen. Uns als erfahrenen Mediatoren ist allerdings bewusst, dass auch in der gleichen Sprache beziehungsweise dem gleichen Idiom mehr Missverständnisse entstehen, als wir annehmen, da sich unsere Vorstellungen von dem, was wir sagen, unter­scheiden.

Neben den sprachlichen Problemen sind weitere Gründe für interkulturelle Kon­flikte

  • Stereotype
  • unterschiedliche Kommunikationsstile
  • unterschiedlich priorisierte Werte
  • gleiche Werte – andere Umsetzung
  • unterschiedliche Rollenvorstellungen (zum Beispiel Mann – Frau)
  • Machtungleichheiten (Hierarchieverständnis).

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Die Autoren

Susann Bongers, MA, MBA, gründete 2012 die bcompanion gmbh in Luzern (CH). Sie coacht Führungskräfte und mediiert Kon­flikte in Verwaltungen, Bildungsinstitutionen und der Privat­wirt­schaft. Im Bereich ihrer Arbeitsschwerpunkte Kommuni­ka­tion, Leadership und Konfliktmanagement unterrichtet sie an der Päd­agogischen Hochschule Luzern. Sie ist Assessorin der Schweizer Stu­dienstiftung und Vorstandsmitglied der Schweizer Kammer für Wirtschaftsmediation. Vor der Firmengründung war sie nach einem Wirtschaftspraktikum in den Niederlanden Rek­torin eines Schweizer Gymnasiums sowie Deutsch- und Französischlehrerin in Frank­reich, Deutschland und der Schweiz.

Manfred Schneeberger, Mediator SDM-FSM, arbeitet seit 2012 als selbstständiger Mediator und Trainer in Luzern (CH). Seine Arbeitsgebiete sind Familienmediation, Scheidungen und Trennungen. Er coacht Führungskräfte und Privat­per­so­nen, veranstaltet Workshops und Seminare im Bereich Gesund­heit am Arbeitsplatz, Umgang mit Stress und Teambil­dung und referiert in Firmen, Vereinen und Verbänden. Davor war er 25 Jahre Banker, 11 Jahre selbstständiger Fi­nanz­planer und sechs Jahre als ausgebildeter Fitness- und Per­sön­lichkeitstrainer im eigenen Fitnessstudio tätig. Er war aktiver Spitzen­sport­ler im Radsport und ist passionierter Halbmarathonläufer.